Lesen ohne Worte

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Die Entwicklungsdyslexie ist eine der am häufigsten gestellten Diagnosen im Kindesalter und geht mit veränderten Blickbewegungsmustern beim Lesen einher. Aufgrund der Heterogenität des Störungsbildes wird vermutet, dass nicht allein phonologische Fähigkeiten, sondern auch die visuelle Verarbeitung, verschiedene Aufmerksamkeitsaspekte und die okulomotorische Steuerung die Entwicklung der Lesefähigkeit  beeinflussen. Von besonderem Interesse ist es daher herauszufinden, ob sich mithilfe von Blickbewegungsmessungen auch nichtsprachliche Teilursachen einer Entwicklungsdyslexie abbilden lassen.
Um den Einfluss nichtsprachlicher, jedoch ebenfalls leserelevanter Einflussfaktoren unabhängig von linguistischen Defiziten zu messen, wurde das sprachfreie Landolt-Paradigma entwickelt und evaluiert. Mithilfe des Landolt-Scannens werden nicht linguistischen Anforderungen beim Lesen funktional äquivalent abgebildet. Auf diese Weise macht ein Vergleich von Lesen und Scannen  leserelevante Blickbewegungsstörungen nicht-sprachlichen Ursprungs messbar.

Das Projekt „Lesen ohne Worte“ wird gefördert von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) und teilt sich in  drei Studien:

  • Zunächst sollen die Blickbewegungsmuster von Kindern mit Entwicklungsdyslexie beim Lesen und Landolt-Scannen mit denen von gesunden Kindern verglichen werden. Falls, wie erwartet, ein erheblicher Teil der dyslektischen Kinder beim Lesen und Landolt-Scannen abweichende Ergebnisse zeigt, wäre dies ein starker Beleg dafür, dass bei einer Gruppe dyslektischer Kinder nichtsprachliche, jedoch leserelevante Defizite vorliegen.
  • Das Landolt-Scannen kann ebenfalls mit Vorschülern durchgeführt werden, wodurch es möglich ist, seine prognostische Güte mit anderen Prädiktoren des Leseerwerbs zu vergleichen. Hierzu sollen Kinder vom Zeitpunkt ihrer Einschulung bis hin ins fünfte Schuljahr getestet werden.
  • Da in Voruntersuchungen bereits nachgewiesen werden konnte, dass die Blickbewegungsmuster beim Landolt-Scannen denen beim normalen (Satz-)Lesen sehr ähnlich sind, soll in einer fMRT-Untersuchung geklärt werden, ob bei beiden Paradigmen die gleichen neuralen Netzwerke aktiv sind.

Projektleiter: PD Dr. Thomas Günther (Universitätsklinikum Aachen), Prof. Dr. Ralph Radach (Bergische Universität Wuppertal)